Jasmin SchellingEssays & Notizen
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Essay 01 · September 2026 · 4 Min. Lesezeit

wer bin ich

Kurzfassung meines Lebens, die ich bei jeder Bewerbung erzählen kann: Nach dem Abi keine Ahnung. Berlin klar, Studium klar, was: no fucking clue. Ein Jahr Mini-Jobs. Dann das legendäre „irgendwas mit Medien“. Trainee bei Nickelodeon. Durch Vitamin B mit 25 Junior Producerin, dann Producerin. Drehen in Köln, Berlin, Potsdam, Südtirol. Ich dachte, da bin ich, wo ich hingehöre. Das will ich mein Leben lang machen.

Und dann kam der Burnout. Und mitten drin die Schwangerschaft. Und seitdem: FUCK, I’m a mom now.

Zehn Jahre lang war die Antwort auf „Wer bist du?“ super einfach: „Producerin.“ Fertig, runde Klammer. Das hat gereicht, auf Partys, beim Amt, vor allem mir selbst.

Jetzt, nach zwei Elternzeiten, ist dieser Teil meiner Antwort weggefallen. Ich wollte nicht mehr zurück in den Job, das habe ich recht schnell gewusst. Aber was ich eigentlich will und vor allem, wer ich eigentlich bin, habe ich in der ersten Elternzeit nicht rausgefunden. Spoiler Alert: in der zweiten auch nicht. Ich bin gerade erst wieder auf dem Weg.

Dabei habe ich eine ziemlich wichtige Erkenntnis gehabt: Wir sind nicht unser Job. „Wer bin ich?“ ist nämlich eine viel weiter gefasste Frage. Und zwar unverschämt viel weiter. Mal durchspielen, was da alles dazugehört: Ehefrau. Mutter. Tochter. Enkeltochter. Freundin. Mitglied der Gesellschaft. Business-Frau. Und dann noch die, die sich dazwischen versteckt: Jasmin. Die mit den vielen Facetten und Interessen, die sich im Kreis dreht mit der Frage, was sie eigentlich will.

Seit ich mir diese Frage wirklich stelle, finde ich Dinge über mich heraus, die mich selbst überraschen. Ich bin zum Beispiel ungeduldig as heck. Ich hätte geschworen, ich sei der geduldige Typ, bis ein Mensch von einem halben Meter Durchmesser beschlossen hat, dass mein Schlaf sein Eigentum ist. Daran misst man sich plötzlich ganz neu.

Ich habe herausgefunden, dass ich meine Kinder liebe. Das war nie die Frage. Und ich habe herausgefunden, dass ich mein altes Leben vermisse. Beides stimmt. Beides darf nebeneinander existieren, auch wenn das gern als Widerspruch erzählt wird. Es ist keiner. Es ist einfach die Wahrheit.

Ich habe herausgefunden, dass ich nachtragend bin. Das war mir vorher nicht so bewusst. Ich dachte, ich verzeihe schnell, bis ich gemerkt habe, dass ich manches eben nicht vergesse. Und dass ich daran arbeite.

Ich habe herausgefunden, dass ich gerne mit Holz arbeite. Ich baue uns kleine Möbel. Nicht gut, aber meins. Und ich habe herausgefunden, dass ich das Kreative vermisse. Deshalb habe ich meine Brand gegründet. Nicht, um groß rauszukommen, sondern weil ich es brauche, Dinge zu machen.

Ich habe herausgefunden, dass mir Politik wichtig geworden ist. Auf eine Art, die mir früher selbst peinlich gewesen wäre. Und dass ich Serien immer noch liebe, nur nicht mehr so intensiv, weil ich schlicht keine Zeit mehr habe. Die Prioritäten werden eben anders gesetzt.

Ich arbeite viel an meiner Gefühlswelt. An dem, was ich fühle und warum. Ich habe laufend Erkenntnisse, die ich mir nie zugetraut hätte. Ich arbeite einfach konstant an mir. Um eine bessere Version zu sein, für meine Kinder, für meinen Mann, aber vor allem für mich. Und irgendwie versuche ich dabei, mich nicht zu verlieren. Wer auch immer ich bin.

Das klingt vielleicht nach viel. Dabei ist es nur eine andere Antwort auf dieselbe Frage. Wer bin ich? Nicht mehr die Frau, die irgendwo hingeht, um zu beweisen, dass sie es kann. Sondern die Frau, die gerade da ist, wo sie sein will.

Vielleicht ist „Wer bin ich?“ also gar keine Frage mit einer Antwort. Vielleicht ist sie eine Frage, die man nie fertig beantwortet, weil man nie fertig wird. Das Schöne ist ja: Wir entwickeln uns unser Leben lang weiter. Und manchmal heißt Entwicklung eben nicht, dass man größer wird. Manchmal heißt sie, dass man ankommt.

Ich bin gerade erst dabei.